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Fri, 04 Apr 2008 - 21:34
Vertreibung heißt jetzt Gentrifizierung
Auf Spiegel-Online habe ich einen sehr lesenswerten Artikel zum angeblich so wünschenswerten Sprung über die Elbe gefunden. Hier mal ein Auszug: Die Mieten steigen, die angestammte Klientel kann sich das Leben im Viertel nicht mehr leisten. Erst kürzlich haben mehrere Hamburger Stadtteilinitiativen die Folgen der Gentrifizierung beklagt: Die Politik müsse endlich dafür sorgen, dass die zentrumsnahen Viertel nicht alle zu teuren "Latte macchiato"-Kiezen mutierten. Der Ruf verhallte ungehört. Den ganzen Artikel gibt es hier. Ich weiß nicht, wozu es nötig sein soll den Sprung zu machen - ist ja nicht so, daß die Elbinsel Wilhelmsburg jetzt eine menschenleere Wüste wäre. Und die jetzigen Einwohner kommen eigentlich ganz gut klar, auch wenn die Marketingschaben und Unternehmensberatungsheuschrecken sich nicht über die Elbe trauen. Lasst die doch einfach in ihren Eimsbüttel-Altbauten wohnen bleiben, mit Klos in Martinskammern in denen man sich nicht umdrehen kann und dafür 1000Euro (kalt) zahlen und versucht nicht Wilhelmsburg zu einem gleichgeschalteten weiteren Stadtteil dieser Machart werden zu lassen. Eine Stadt ist interessant, wenn sie vielseitig ist, nicht wenn alle Stadtteile auf das gleiche Klientel optimiert werden. Mag für Politiker schwer zu glauben sein, aber nicht alle jungen Leute sind Kinder reicher Eltern, so wie eure. Und eine Stadt muß auch noch für die anderen Raum zum Leben bieten.
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Auf der Suche nach dem vorgesehenen Gebiet für den Bebauungsplan "Wilhelmsburg 86" bin ich auf eine Webseite mit allen aktuellen Bebauungsgebieten in Hamburg gestossen, nämlich diese hier. Die Bedienung ist schrecklich, aber sehr gutes Kartenmaterial, mit sehr hoher Auflösung liegt da hinter. Es lohnt sich also mal reinzuzoomen, wenn man zum Beispiel wissen will, wie hoch das eigene Wohngebiet so liegt.
Die Strasse vor meinem Haus liegt zum Beispiel auf NN+1,8m - Da weiß man ja, wo einem die Flut so manches mal stünde, wenn es keine Deiche gäbe.
Pünktlich zum meteoroligischen Frühlingsanfang hat die Nordsee nochmal in
Hamburg angeklopft. Hoffentlich der Abschiedsbesuch für diese
Sturmflutsaison. Das Bild am linken Rand zeigt den Pegelstand - da es schon
dunkel war musste ich etwas länger belichten - und da bei Wind das Wasser
einfach nicht stillhalten will ist leider keine klare Kante unten zu
erkennen, also irgendwo da wo der übergang ins schwarze ist hat es sich
eingependelt.
Der Pegel ist auf Seekarten-Null geeicht, also auf den niedrigsten Wasserstand, den durch die normale Tide gibt. Solche Pegel stehen an vielen Stellen an der Elbe (praktischerweise sind die alle auf einen anderen Nullpunkt geeicht, deswegen steht das immer oben dran) und erlauben es allen interessierten den aktuellen Wasserstand abzulesen. Ein wichtiges Hilfsmittel besonders, wenn man auf dem Wasser unterwegs ist, da man damit die Werte aus der Seekarte umrechnen kann um aktuelle Brückendurchfahrtshöhen und Wassertiefen zu berechnet. Heute war das Wasser sehr tief und einige Brücken waren sehr flach. So flach, das man da nicht mal mehr mit dem Kanu durchkommt.
Auf obigem Bild sieht man zum Beispiel das südliche Tor der Reiherstiegschleuse. Oder genauer gesagt, man sieht noch das obere Geländer des Tores und die Brücke, die darüber hinweg führt. Das Tor selber ist vollständig in der Sturmflut versunken. Durch diese Schleuse fahren normalerweise noch übliche Binnenschiffe, wie man sie auf allen großen Binnenwasserstraßen in Deutschland sieht. Bei dem heutigen Wasserstand dürften diese aber Probleme bekommen, wenn sie unter der Brücke durch wollen. Die Laterne auf dem Bild, steht übrigens auf der "Schleuseninsel", die die beiden Schleusenkammern trennt - normalerweise.
Da man in Hamburg allerdings das Problem mit Sturmfluten kennt, nimmt man diese Situation nicht kampflos hin. So begannen die Vorbereitungen schon gestern. Hier wurden zum Beispiel kritische Infrastrukturelemente von allen Baustellen in der Hafencity schonmal gesammelt und zum Abtransport vorbereitet.
Die Elbmarschen sind inzwischen nahezu vollständig eingedeicht, damit das Wasser nicht im Haus steht, auch wenn es mal ein wenig steigt. Ich habe auch das versucht auf einem Photo einzufangen, aber leider kann man in diesem zweidimensionalen Medium nicht gut erkennen, wie das Höhenverhältnis von Haus und Wasser ist. Aber hier sieht man wirklich einen guten Grund warum es heißt "wer nicht deicht, der weicht".
Viele Nebenarme der Elbe werden nicht vollständig eingedeicht, sondern macht einfach den Zulauf bei bedarf mit einem Sperrwerk dicht. Auch dies ist eine gute Methode den blanken Hans draußen zu halten. Diese massiven Stahltore werden geschlossen, wenn ein Wasserstand erreicht wird, der das Hinterland an diesen Nebenarmen bedroht - der exakte Wasserstand ist von Tor zu Tor unterschiedlich. Auch hier mal bilder von einem solchen Sperrwerk im geschlossenen Zustand (dies ist das Modell Sperrtor, das zum Verschluß der Kanäle auf der Veddel und auf der Peute eingesetzt wird, es gibt auch noch andere Modelle in Hamburg):
Doch trotz all dieser Maßnahmen spürt man eine solche Sturmflut natürlich in Hamburg. Nicht nur, weil viele Straßen gesperrt werden müssen, sondern auch weil im Hafen einiges nicht mehr seinen normalen Gang geht. So können Schiffe nicht fahren weil sie nicht mehr unter Brücken durchpassen und auch Containerterminals müssen pausieren - zum einen schwingen die Container bei dem Wind an den Containerbrücken unangenehm stark, zum anderen schwimmen die Schiffe unangenehm weit oben, was dazu führen kann, das sie gegen die Containerbrücke stoßen. Deswegen muß die Arbeit eingestellt werden um die Brücken durch hochklappen aus dem Weg zu bekommen. So kann man dann ein seltenes Bild sehen: Fast leere Containerschiffe - normalerweise werden die in so großer Geschwindigkeit beladen, daß man sie nicht leer zu Gesicht bekommt.
Aber insgesamt ist auch diese Sturmflut glimpflich abgegangen. Obwohl uns stetig erklärt wird, daß die Wetterkatastrophen immer schlimmer werden hatten wir in diesem Jahrtausend noch nicht eine große Sturmflut (groß heißt für mich, mit einem Pegelstand von mehr als 5,5m über NN). Wahrscheinlich werden garnicht die Katastrophen größer, nur die Berichterstattung über sie. Die großen Fluten bisher waren:
Wie man sieht, gab es seit dem Jahr 2000 keine Sturmflut, die diese Marke durchbrochen hat. Und wie man auch sieht, werden die Fluten nicht stetig häufiger, oder stetig seltener, sondern kommen einfach so, wann es ihnen in den Kram passt.
Ich wurde heute Zwangsumgesiedelt. Kann keine große Veränderung festellen. Nur ganz schön windig hier, im Bezirk Mitte.
Derzeit wird vom BSH für das Nachmittagshochwasser am morgigen Samstag ein Wasserstand von 3,5-4,0m über mittlerem Niedrigwasser vorhergesagt. Das würde bedeuten, daß das Niedrigwasser höher ist, als das normale Hochwasser. Wenn dies eintritt und sich der Wind bis in die Nacht hält, dann könnte das Nachthochwasser in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine sehr schwere Sturmflut für Hamburg bedeuten.
Besonders zugezogenen sei daher mal ein Blick in das Sturmflutmerkblatt für Wilhelmsburg empfohlen. Kann nie schaden sich darüber zu informieren... Wir leben schließlich alle nur auf geliehenem Land.
Hoffen wir, daß die ersten Tage im Bezirk Mitte nicht all zu naß werden.
Die CDU-Führung kommentiert eine gute Idee
Der CDU-Fraktionschef in Harburg hat sich auch dazu hinreißen lassen, die Idee einer Verlängerung der U4 (ich berichtete) zu kommentieren:
Dazu Harburgs CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer: "Wir haben das gehört und geschmunzelt. Die U 4 gehört nicht zu den vordringlichsten Themen, die wir in Harburg anpacken müssen, um die Verkehrsprobleme zu lösen."
Schade, das er das so sieht, ich halte das für eine der besten Ideen zur Verkehrspolitik seit langem. Natürlich kommt man damit nicht gegen so geniale Vorschläge an, wie sie sonst noch kursieren. Mal ein Auszug aus der städteplanerischen Genialität des CDU-geführten Senats:
Wenn man über was schmunzeln will was mit einer U-Bahn zu tun hat, dann empfehle ich dieses Bild aus der Titanic, nicht die Planung eine sinnvolle U-Bahn Linie zu bauen.
U4 - Die Hoffnung stirbt zuletzt
Für die Anbindung der Hafencity an das Hamburger Nahverkehrsnetz ist derzeit der Bau der neuen U4 in vollem gange. In 42m Tiefe werden dazu 300 Millionen Euro im Hafenschlick versenkt (das sind 75000Euro pro Meter U-Bahn-Strecke). Nach derzeitiger Planung jedenfalls, üblicherweise werden die Strecken ja teurer als geplant. Nun werden wieder einmal die Stimmen laut, die sagen die Strecke sollte doch überirdisch verlängert werden.
Dies halte ich für die einzig denkbare Rechtfertigung für dieses Millionenprojekt. Zusätzlich zu den imaginären Fahrgästen aus der Hafencity (wer sich da eine Wohnung leisten kann ist üblicherweise nicht der typische U-Bahn-Fahrer) wird dann die ÖPNV-Mäßig unterversorgte Elbinsel mitversorgt. Eine gute Idee, und so hat der Bezirk Harburg dieses Thema auch wieder aufgegriffen.
Wilhelmsburg ist der größte Stadtteil Hamburgs (Flächenmäßig) und hat derzeit nur einen S-Bahnhof. Dieser ist zwar sehr zentral gelegen, aber gewohnt wird eher in den östlichen und westlichen Flanken und so hat eigentlich jeder einen vergleichsweise weiten Weg zum Bahnhof. Dieser wird derzeit überwiegend per Bus überwunden. Eine zusätzliche U-Bahn könnte den Stadtteil erheblich aufwerten und die ca. 45000 Einwohner tatsächlich näher an Hamburg rücken lassen - der ersehnte Sprung über die Elbe wäre auf einen Schlag geschafft.
Auch wäre mit der geplanten Streckenführung (hier für Google Earth, wer kein google Earth hat kann es sich auch hier ansehen) die Anbindung des Hamburger Südens an den Hamburger Osten deutlich verbessert.
Wenn dieses Projekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung angegangen wird, dann wäre es mit Sicherheit das Projekt, daß dem Stadtteil am meisten bringt. Der langfristige Nutzen der derzeit geplanten IBA-Projekte erschließt sich mir nämlich genauso wenig wie allen anderen Leuten, mit denen ich darüber bis jetzt gesprochen habe.
Also liebe Stadt Hamburg, legt los, es liegt nur in eurer Hand. Die Hochbahn ist ein städtisches Unternehmen, also macht damit mal wieder was sinnvolles. Die Hafencity wird auch nicht anders enden als die City Nord oder die City Süd, wenn ihr es nicht endlich schafft sie in die Stadt zu integrieren anstatt sie als Einzelprojekt zu betrachten. Eine U-Bahn-Linie, die auch irgendwo hinführt wo Menschen leben wäre da eine gute Möglichkeit.
Wappen gesucht - vom hundersten ins tausendste gekommen - skandalösen Rechtsbruch aufgedeckt.
Gesucht habe ich eigentlich eine hochauflösende Darstellung oder noch besser eine Vektor-Grafik des Wilhelmsburger Wappens. Daran bin ich leider kläglich gescheitert, da ist nix zu finden, stattdessen las ich die optisch schreckliche aber inhaltlich interessante Geschichte des Wilhemsburger Wappens. Ist ja auch was.
In dem Zusammenhang interessierte mich nun, wie das mit den Hamburger Wappen so ist und dabei lernte ich dann doch glatt, daß das Hamburger Wappen (wie auch die Hamburger Admiralitätsflagge bzw. deren Wappen) garnicht von jedermann benutzt werden darf, sondern nur von Hamburger Behörden und Körperschaften des öffentlichen Rechts. Nachlesen kann man das hier.
"Nanu" dachte ich da, um mich herum lauter
Rechtsbrecher. Bei Hapag Lloyd zum Beispiel, haben
die nicht das kleine Staatswappen am Bug ihrer Containerdampfer? Auch
meine ich häufig Leute mit einer dunkelblauen Krawatte mit diesem Wappen
darauf zu sehen. Es kommt noch schlimmer, sogar der Hamburger Senat verschenkt mit
dem Wappen verzierte Gegenstände, das ist ja geradezu eine Aufforderung
zum Rechtsbruch - Denn meines Wissens ist die Bundeswehr keine hamburger
Behörde. Kann man nur hoffen, das die Herren
ZivilversagerOffiziere die Wappen gleich brav abgeknibbelt
haben.
Nochmal zur Erinnerung: Dieses Wochenende ist Elbinsel-Festival. Freitag aben spielt "The Boss Hoss", wenn es nicht gerade Kuhscheiße regnet, dann werde ich wohl da sein und mir das angucken. Bei freiem Eintritt kann selbst ich nicht nein sagen.
update: Das Abendblatt berichtet auch. Ich bin wahrlich kein Fan dieser Zeitung, aber dass die Wilhelmsburg so treffend beschreiben50 000 Einwohner, darunter wahrscheinlich wenige Werberbier-Trinker ("Sail Away, Alder!").
steigert das Ansehen dieser Zeitung bei mir enorm.
Ein Monat nach dem Elbinsel Festival geht es weiter: Dockville kommt auf die Insel, unter anderem mit Livemusik von 2Raumwohnung und Tocotronic, aber auch mit jeder Menge nicht-akustischer Kunst. Am 17. und 18. August 2007 und am Reiherstieg. Eintritt so um die 22 Euro.